Afghanistan – touch down in flight from Augustin Pictures on Vimeo.
Sonntag, 20. November 2011
Samstag, 12. November 2011
Wöchentliches Glutlicht.
Gerhard Haderer hat es auf den Punkt gebracht.
In einer seiner in der Süddeutschen abgedruckten Zeichnungen stellt
er den am Hafen stehenden Akteur zur Wahl:
Entweder er wählt ein Schiff samt Pest oder er entscheidet sich für
eine Reise mit der Cholera. So steht der Akteur also, abwägend und räsonierend,
am hölzernen Steg. Des wachen Verstandes hoffentlich nicht müde.
Auf den Bühnen internationaler Politik befinden sich gleich mehrere
Kandidaten auf wackelndem Gehölz. Während die Anhänger des italienischen Neo-Monarchen-Berlusconi
so langsam schwinden, mangelnde Handlungs- und Reformbestreben die politische
Luft des Palazzo Montecitorio vergiften, liegt der griechische Präsident Papandreou, eingekuschelt zwischen deutsch-französischer
Liebschaft, am Rande der europäischen Toleranzschwelle.
Und mittlerweile lässt sich sagen: Welcome Mr. P².
Im Gegensatz zu Papandreou obliegt P² der Vorteil, das Zahlen- und
Finanzgeschäft vor dem Hintergrund einer außenpolitischen Karriere erfahren zu
haben. Der Zusammenstellung seiner Satzung bleibt jedoch der alte Klotz am
Bein: eine Neuordnung auf sämtlichen strukturellen Ebenen durchzusetzen, um
Griechenland den nötigen Schub im EU Gefilde zu verpassen. Mit dem Volk als ständigen
kritischen und misstrauischen Beobachter.
Der ehemalige Vizechef der Europäischen Zentralbank wägt sich also in
einer Lache reformpolitischer Notwendigkeiten -
von denen in Deutschland seit der Finanzkrise kaum noch zu hören
ist.
Und auch, seitdem die Koalition die Themen Mindestlohn
Lohnuntergrenze und Steuersenkungen mit der Angel aus dem brodelnden Äther
gefischt hat, fragt man sich, ob nicht bald jemand kommen sollte, der das sagt,
was eine griechische Tageszeitung hoffungsvoll schreibt:
Die Koalition sei „eine Wahl der Vernunft“ gewesen.
Schlimmer als Pest und Cholera zusammen, kann sie nicht sein.
Samstag, 15. Oktober 2011
Wöchentliches Glutlicht.
Ich erinnere mich noch gut an den Eingang von Karstadt.
Von draußen kommend, ebneten weiße, schwere Türen den Weg in den
Zwischengang, der mich als Besucher an dekorierten Schaufenstern zum
eigentlichen Eingang schleuste. Die Schaufenster ließen mich ahnen, was der
modische Trend der für mich damals älteren Damen – jahreszeitenabhängig –sein mochte.
Häufig sind es lila bis brombeerfarbige Oberteile, an die ich mich erinnere. Versehen
mit schwarzen Applikationen, schimmerten sie durch die Glaswand. Die
Dekorationspuppen blickten ins Leere. Manchmal hatten sie keine Gesichter.
Als ich kleiner war, stellten die Eingangstüren eine
Herausforderung für mich dar. Weiß wie Krankenhaustüren waren sie. Zumeist musste
ich meinen ganzen Körper gegen das rechteckige Portal drücken, damit es aufging.
Ab und an hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern mir halfen. Beweisen kann ich
es nicht. Karstadt war für mich ein Erlebnis. Zuallererst lief ich in die
Schreibwarenabteilung im Erdgeschoss. Der bekannte Geruch von Papier, Tinte, Radiergummis
und Bleistiften löste in mir ein Gefühl des Wohlseins aus. Karstadt beherbergte
alle Schätze, die mir zum damaligen Zeitpunkt wichtig erschienen. Während meine
Eltern in der Haushaltswarenabteilung stöberten, erkundete ich mit meinem
Bruder die Spielwaren in der ersten Etage. Ab und zu schlichen wir uns zu
faszinierend funkelnden Kristallen, deren Form sich in Schiffen, Blumen oder Tieren
zum Ausdruck brachte. Ich wollte immer eines besitzen, am liebsten ein kleines
Schiff, das ich in mein Regal gestellt hätte.
Zu Karneval erfreute ich mich an der für die Jecken hergerichteten
Abteilung. Überall lagen Masken, Schwerter, Kostüme. Sowieso waren anstehende
Festakte das Highlight. Ich tauchte ein in die Atmosphäre kürzlich anstehender
Feste, vergaß Pflichten und übersah an manchen Tagen die Realität. Ich teilte
mit meinem Bruder die Freude zum Erkunden, wir ließen unsere Finger gleiten
über Plastik, Stoff und Filz. Fuhren Rolltreppen nach oben, nach unten. Wir
träumten. Wir träumten nicht von materialisierten Dingen. Auch, wenn ab und an
Tränen wegen etwas Dortgebliebenem rollten. Wir träumten von Geschichten,
Ereignissen. Nahmen Bären mit auf die Reise, Skateboards, kleine Tiere aus
Plastik, die den Weg vorgaben. Wir verkörperten das, was man im Nachhinein als
Unbekümmertheit bezeichnet.
Als ich älter wurde und mit meinen Freundinnen in größere Städte fahren
durfte, verließ mich der Reiz von Karstadt. Ich erkannte, dass es eigene, für
sich stehende Markengeschäfte gab. Meine Wahrnehmung dezentralisierte sich.
Eigens erfundene Geschichten, die ich mit meinem Bruder immer wieder erlebte,
verflachten, bis sie schließlich ganz aufhörten und nur in Erinnerungen
auflebten.
Als ich letztens zu Karstadt ging, kam es wieder. Das Gefühl des
Bekannten. Der Geruch von Schreibwarenartikel, der Wunsch noch einmal Klein zu
sein.
Denn wenn ich jetzt an Karstadt denke, dem Prunkstück der BRD, fällt
mir Marc Augé ein, sein Begriff der Nicht-Orte, Insolvenz, Stellenabbau. Es
fällt mir schwer, Geschichten zu spannen, in denen nicht die Realität Platz
findet. Denn die Realität hat mich so ummantelt, dass ich, wenn ich meine Augen
schließe, weiß: Karstadt gibt es für viele Junge nicht mehr.
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